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Renate Ebeling-Winkler - Wege des "Stille-Nacht"-Liedes in die Welt. Sein Text entstand in Mariapfarr im Lungau

Wege des "Stille-Nacht"-Liedes in die Welt
Sein Text entstand in Mariapfarr im Lungau

Vortrag von Renate Ebeling-Winkler vom 1. Dezember 2010
Eine Veranstaltung von Salzburger Bildungswerk und
Museumsverein Mariapfarr

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Museumsvereins Mariapfarr,


ich muss meinen Vortrag mit einer Enttäuschung für die Bürgerinnen und Bürger von Mariapfarr beginnen: Als im November 1995 das "Stille-Nacht"-Autograph aus der Hand von Joseph Mohr entdeckt wurde, ja selbst, als es von mir einen Monat später im Rahmen einer ORF-Veranstaltung im damals noch Carolino Augusteum genannten Salzburg Museum der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, rückte Mariapfarr keineswegs schlagartig ins Licht der Weltöffentlichkeit. Es sollte noch etwas dauern, bis die rätselhafte Jahreszahl 1816 am linken unteren Rand der Notenschrift restlos entschlüsselt werden konnte.

Wie kam dieses Autograph überhaupt in meine Hände? Üblicherweise entdecken Museumskustodinnen oder -kustoden ihre Funde bei einer Durchsicht der oftmals seit Jahrhunderten gesammelten Bestände ihrer Abteilung, in übertragenen Nachlässen oder bei archäologischen Ausgrabungen, ja selbst auf Flohmärkten werden sie fallweise fündig.

Nach der Übernahme der Bibliothekarsstelle im Carolino Augusteum war mir schnell klar, dass der durch die lange Vakanz der Stelle und wegen der immer noch nicht aufgearbeiteten Kriegsschäden auf mich zukommende Arbeitsaufwand mit dem zugeteilten Personal nicht bewältigt werden konnte. Ich war auf freiwillige Helferinnen und Helfer angewiesen, die ich unter den Mitgliedern des Museumsvereins fand. Auch Elisabeth Kruckenhauser, einstmals meine Einführende, meine Mentorin, im Wirtschaftskundlichen Realgymnasium, hatte sich gemeldet, um sich - wie sie sagte - auf diese Weise für die vormalige Hilfe der jungen Probelehrerin zu revanchieren.
Als Anerkennung für die ehrenamtliche Tätigkeit hatte ich mit meinen neugewonnenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vereinbart, dass ich ihnen einige Schätze der Bibliothek zeigen würde, darunter das Original der bei Köchel unter der Nr. 1 verzeichneten Notenhandschrift Mozarts und das zusammen mit der so genannten "Authentischen Veranlassung" verwahrte Gruber-Autograph von "Stille Nacht, heilige Nacht!". Nach dem Blick auf dieses Autograph erklärte mir Elisabeth Kruckenhauser, bei ihr im Haus hänge auch eine gerahmte, sicher nicht sehr wertvolle Abschrift des Liedes, die ich von meinen Besuchen gewiss noch in Erinnerung hätte. Zu meiner Schande - ich ahnte noch nichts von meinen späteren Aufgaben in der Stille-Nacht-Gesellschaft - musste ich gestehen, dass ich das Notenblatt an der Wand nie bewusst wahrgenommen hatte. Elisabeth Kruckenhauser brachte mir das Bild zum Begutachten ins Museum, zum ersten Mal warf ich jetzt einen genauen Blick auf das Notenblatt, an dem die Zeit nicht spurlos vorübergegangen war und der weihnachtliche Familiengesang Gebrauchsspuren hinterlassen hatte. Bei der in der linken unteren Ecke angebrachten Unterschrift von Joseph Mohr mit der Jahreszahl 1816 stutzte ich, war doch Stand der Wissenschaft, dass das Weihnachtslied nicht nur am Heiligen Abend 1818 in Oberndorf uraufgeführt worden, sondern dass es auch nur wenige Stunden zuvor entstanden war. Einen Schreib- oder Lesefehler bei der Jahreszahl konnte ich bereits aufgrund meiner Ausbildung als Historikerin und Bibliothekarin mit Sicherheit ausschließen.

Obwohl die Unterschrift Mohrs durch den abgekürzten Zusatz "manu propriae" als eigenhändige Unterschrift ausgewiesen war und augenscheinlich auch der Liedtext von der gleichen Hand stammte, lud ich mehrere Musikologen und Archivare zur Begutachtung ein, um ganz sicher zu gehen. Dass wir wegen der sich abzeichnenden Sensation zunächst einen Cognac benötigten, ist hinreichend bekannt. Ernst Hintermayer konnte als Leiter des Diözesan-Archivs, das viele Eingaben Mohrs verwahrt, die Handschrift eindeutig dem jungen Mohr zuordnen und sollte in der Folge allein anhand der Schriftentwicklung Mohrs, also ohne Eingriff in die Substanz des Dokuments, die Zeit der Niederschrift auf die - der Uraufführung sehr nahen - Jahre 1820 bis 1825 eingrenzen.

Während den Stille-Nacht-Forschern - ich verwende den Ausdruck völlig wertfrei - , die je nach Standpunkt Joseph Mohr auch als Komponisten des Lieds sahen oder Franz Xaver Gruber auch als Textverfasser, durch die klaren Urheberangaben Mohrs wohl endgültig der Wind aus den Segeln genommen worden war, tauchten wegen der Diskrepanz bei den Jahresangaben wieder Zweifel an der Korrektheit der gruberschen Angaben in seiner "Authentischen Veranlassung" auf. Um es vorwegzunehmen: Grubers Seriosität bei der Abfassung seines Antwortschreibens steht außer Zweifel, materielle Hintergedanken etwa im Hinblick auf das uns vertraute, seinerzeit aber erst schwach ausgeprägte Urheberrecht mit möglichen Tantiemenforderungen haben keine Rolle gespielt. Die Anfrage war im Auftrag eines der wichtigsten Fürstenhöfe Europas an das Stift St. Peter gerichtet. Gruber kannte gewiss die Bedeutung der Berliner Hofkapelle, die schon seit über hundert Jahren den Status eines Schloss-Ensembles hinter sich gelassen hatte und längst zum Klangkörper der Hofoper Unter den Linden, heute kurz Linden-Oper genannt, avanciert war. Es handelt sich also um die Anfrage von geschätzten Musiker-Kollegen, da gibt man sich schon Mühe bei der Antwort.

Der von Gruber gewählte Titel "Authentische Veranlassung" mag zur Skepsis mancher Zweifler beigetragen haben, denn das Wort "Veranlassung" wird im gruberschen Sinne heute nicht mehr verwendet, stattdessen würden wir von einer Sachverhaltsdarstellung sprechen. Selbst die Brüder Grimm führen in ihrem um 1830 erschienenen Wörterbuch nur die dem heutigen Gebrauch entsprechenden Bedeutungen für das Wort "Veranlassung" im Sinne von Hinwirken auf eine bestimmte Handlung an. Es ist durchaus möglich, dass es sich in der von Gruber angenommenen Wortbedeutung um ein kurzzeitiges Modewort handelt oder um einen Begriff aus der Kanzleisprache, und es wäre reizvoll zu untersuchen, ob das Wort in dieser Bedeutung noch in weiteren zeitgenössischen Quellen auftaucht. Als einzigen Beleg für die Wortverwendung im gruberschen Sinn habe ich bisher ein Zitat aus einem Schreiben des Münchner Malers Peter Heß gefunden, der 1847, somit sehr zeitnah sieben Jahre vor der "authentischen Veranlaßung", dem bayerischen Hofbaumeister Leo von Klenze "die nächste Veranlaßung zu des Direktor [Friedrich] von Gärtners Tode" mitteilte, eine Sachverhaltsdarstellung zum Tod von Klenzes Konkurrenten also.

Natürlich hat Grubers im Salzburg-Museum verwahrte Niederschrift der "Authentischen Veranlaßung" - das an den Berliner Hof geschickte Original gilt heute als verschollen - als Quelle zwei Schwächen. Dabei will ich die Frage, ob es sich um die Abschrift vom Original oder den Entwurf zu diesem handelt, nicht zu stark bewerten. In der Zeit vor der Erfindung des Durchschreibe-Papiers waren solche vom Autor selbst angefertigten Abschriften die übliche Form für das Festhalten eines aus der Hand gegebenen Dokuments. Selbst wenn man heute allgemein von einem Entwurf Grubers für sein Originalschreiben ausgeht, bewegen sich Abweichungen vom Original erfahrungsgemäß nur im Bereich der Formulierungen; Tatsachen und Daten stimmen in aller Regel mit dem Original überein. Wenn sich bei größerem zeitlichen Abstand zwischen Entwurf und endgültiger Fassung neue Erkenntnisse ergeben, werden sie schon aus der psychologisch verankerten Furcht, etwas "Falsches zu hinterlassen", in den meisten Fällen gleichfalls im Entwurf ausgebessert.

Problematischer erschien mir die Tatsache, dass Grubers "Authentische Veranlassung" aus der Erinnerung nach über 30 Jahren verfasst wurde. Darauf habe ich in meinem - inzwischen vergriffenen - ?Monatsblatt" unmittelbar nach der Entdeckung des Mohr-Autographs 1995 hingewiesen. Damals suchte ich aber in erster Linie nach einer Erklärung für die auffallenden Unterschiede zwischen Mohr und Gruber bei Notensetzung und Instrumentierung. Inzwischen haben Thomas Hochradner und Gerhard Walterskirchen diese Unterschiede musikwissenschaftlich hinreichend deuten können. Zusammenfassend lassen sie sich wohl daraus erklären, dass Gruber jeweils die zur Zeit seiner Niederschriften - sechs sind heute noch erhalten - üblichen und möglicherweise "zurechtgesungenen" Melodiefassungen wiedergibt, in die er zudem unbewusst die Erfahrungen aus seiner langjährigen musikalischen Arbeit mit unterschiedlichen "Formationen" einfließen lässt.

Kalenderdaten und die damit zusammenhängenden Schauplätze können sich zwar nach 30 Jahren ebenfalls verwischen, bei einem im Kirchenjahr genau festgelegten Tag und liturgisch geordneten gottesdienstlichen Abläufen ist das aber eher unwahrscheinlich. Die vor zwei Jahren im Salzburg-Museum - allerdings nicht von wissenschaftlicher Seite, sondern von der Öffentlichkeitsarbeit - versteckt geäußerten Zweifel an Grubers Darstellung der Ereignisse von 1818 in Oberndorf sind wissenschaftlich nicht haltbar.

Was aber hat auch mich bei der Suche nach einer Erklärung für die Diskrepanz zwischen den beiden Jahreszahlen - ich gebe es zu - an Gruber zweifeln lassen? Die knapp bemessene Zeit, ich hatte innerhalb eines Monats ein wissenschaftlich einigermaßen fundiertes "Monatsblatt" abzuliefern, die Präsentation vorzubereiten und viele Interviews zu geben, mag als Entschuldigung gelten. In Wahrheit hatten ich und mit mir viele andere an der falschen Stelle gesucht. Man musste nur Grubers Angaben genau lesen, und schon löste sich der vermeintliche Widerspruch zwischen Mohrs Datum auf seinem Autograph und Grubers Schilderung der Ereignisse auf. Mit keinem Wort lässt sich Gruber nämlich darüber aus, ob Mohr ihm am 24. Dezember 1818 einen kurz zuvor angefertigten Text zur Vertonung überlassen oder ein zwei Jahre altes Gedicht aus der Tasche gezogen hat.

Das Übrige war fast schon Routine. Mohrs häufig wechselnde Einsatzorte in seiner Laufbahn als Geistlicher mögen bei Außenstehenden Verwunderung hervorrufen, in der Stille-Nacht-Forschung sind seine Wirkungsorte auch dank der Akten aus dem Diözesan-Archiv akribisch aufgezeichnet worden. Und 1816 war Mohr als Koadjutor oder Hilfspriester der Gemeinde Mariapfarr zugeteilt worden. Ob auf eigenen Wunsch, können wir trotz der erwähnten guten Aktenlage nur vermuten, nicht aber mit Bestimmtheit sagen. Besonders die Tatsache, dass sein väterlicher Großvater im für damalige Verhältnisse sehr hohen Alter von über 85 Jahren in Mariapfarr lebte, spricht dafür. Die nichteheliche Geburt wurde damals noch stark als Makel empfunden. Dies hatte Mohr zwar nicht an der Priesterlaufbahn gehindert, ihm aber doch nachgehangen. In seiner kurz zuvor beendeten Ausbildung hatten sich ihm neue Sichtweisen und Möglichkeiten der Erforschung seiner Herkunft erschlossen. Da er seinen Vater mutmaßlich nie kennengelernt hatte, ist der Wunsch verständlich, wenigstens dessen Eltern, in diesem Fall dem noch lebenden Großvater zu begegnen, immer auch in der Hoffnung, etwas über den Vater zu erfahren. Ob es noch zu einem Informationsaustausch gekommen ist, wissen wir nicht, denn der Großvater starb bereits wenige Monate nach des Enkels Ankunft in Mariapfarr. Zumindest hat ihm der junge Koadjutor den letzten Dienst erweisen können, dafür spricht der Sterbebuch-Eintrag aus der Hand Joseph Mohrs. Ob Mohr auch durch den Tod des Großvaters zu seinen Versen angeregt wurde, ist ungewiss, Sprachanalytiker werden sich mit der Herstellung eines Zusammenhangs schwertun. Insbesondere Manfred Fischer verdanken wir weitere Erkenntnisse über den Alltag im Winter des Entstehungsjahrs 1816 im kriegsfolgengeplagten Lungau, die beim Verständnis des dem Lied innewohnenden Grundgedankens helfen. Aber auch Einzelheiten, wie die viele Bewunderer des Stille-Nacht-Liedes irritierende Darstellung des Neugeborenen als "holder Knab´ im lockigten Haar", konnten inzwischen den tagtäglichen visuellen Erfahrungen des Priesters Joseph Mohr in seiner Pfarrkirche zugeordnet werden und fügen sich wie Mosaiksteinchen in die wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis, dass der Text des weltweit bekanntesten Weihnachtsliedes in Mariapfarr seinen Ursprung hat.

Obwohl der weitere Weg des Liedes allgemein bekannt ist und die Rolle der Zillertaler Sängerfamilien dabei hinreichend gewürdigt worden ist, will ich an dieser Stelle einige Besonderheiten erwähnen und mich auch auf diese beschränken, gleichzeitig aber die noch "weißen Stellen" in der Verbreitungsgeschichte herausarbeiten. Während die Reparatur der Oberndorfer Orgel durch den Zillertaler Orgelbauer Carl Mauracher und dessen freundschaftliche Kontakte zum dortigen Organisten Franz Xaver Gruber - Joseph Mohr war 1825 schon nicht mehr (Hilfs-)Pfarrer in Oberndorf - hinreichend belegt sind, fehlt bisher ein Hinweis darauf, wie Mauracher zu Text und Noten des Liedes gekommen ist. Für die Stille-Nacht-Forschung wäre es natürlich am schönsten, wenn sich irgendwo ein von Gruber verfertigtes und vielleicht in Anerkennung der gelungenen Reparatur zum Abschied überreichtes Autograph im Nachlass gefunden hätte. Bei einem - schon aus beruflichen Gründen - musikalisch geschulten Orgelbauer ist aber nicht auszuschließen, dass Mauracher das Lied in Oberndorf gehört hat, vielleicht in der Gemeinde gesungen oder von Gruber im privaten Kreis vorgetragen, und es gewissermaßen "im Gehörgang" in die Heimat mitgenommen hat.

Wie unabdingbar der von Gutenberg erfundene Buchdruck mit den beweglichen Lettern für die Verbreitung der Ideen Luthers war, haben wir schon in der Schule gelernt. Auch die weltweite Verbreitung des Stille-Nacht-Liedes wäre ohne die in Sachsen aufgelegten Drucke des "Stille- Nacht!"-Lieds undenkbar. Durch die jederzeitige Verfügbarkeit von Noten-Kopien, seien diese nun analog-fotomechanisch oder digital durch Einlesen entstanden, sind wir heute ungeheuer verwöhnt und können uns eine Zeit ohne Kopierer kaum vorstellen. Bei den Arbeiten zu meinem jüngst erschienen Buch über August Brunetti-Pisano ist mir wieder vor Augen geführt worden, wie sehr ein Komponist selbst im 20. Jahrhundert bei der Verbreitung seiner Werke gehandikapt war, wenn er nicht einen Musikverlag dazu bewegen konnte, seine Werke zu drucken. Im 19. Jahrhundert war zwar der Druck von Wort-Werken dank verbesserter Maschinentechnik immer einfacher geworden, Kompositionen mussten aber häufig noch in alter "Notenstecher-" Technik für den Druck vorbereitet werden. Insofern kann die Friese-Lithographie von 1833 nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dass er auf der heute allenfalls von Ethnologen oder Volksliedforschern durchgeführten Methode beruht, Melodie und Text eines Liedes erst anhand eines gesanglichen Vortrags - hier der Zillertaler Handschuhmacherfamilie Strasser - in ein Notenwerk umzusetzen, muss nicht verwundern, wurde das Stille-Nacht-Lied doch als "aechtes Tyroler Lied" gedruckt, nachdem es von der Familie Strasser vor dem Gesang wahrscheinlich so angekündigt worden war. Selbst wenn die Salzburger Wurzeln des Weihnachtslieds im Zillertal seinerzeit noch bekannt gewesen wären, hätte die Familie Strasser schwerlich auf den Tirol-Hinweis verzichtet.

Obgleich der Erfolg der Zillertaler Sängerfamilien, zu denen neben den Strasser später die Rainer und die Leo gehörten, natürlich in erster Linie auf deren stimmlichen Qualitäten beruhte, nutzten sie den Ruf der Tiroler als tapferes Bergvolk im Kampf gegen den verhassten Napoleon weidlich für ihren Erfolg. Der Tirol-Bonus verschaffte ihnen besonders in den norddeutschen Handelsstädten - neben den angestammten Gesangsvorführungen bei Volksfesten und in Vergnügungsvierteln - Auftrittsmöglichkeiten in den Häusern von Geld- und Landadel. Das Gleiche bot sich Ihnen in England, wo die Tirolomanie in den nachnapoleonischen Jahren besonders beim Adel zeitweilig geradezu groteske Züge angenommen hatte. Englische Modezeitschriften waren voll von Tiroler Trachten und kein englischer Schneider konnte es sich leisten, neben dem traditionellen Tweed und Twill nicht auch Tirolisches in Leder und Loden anzubieten. In England hatten die Zillertaler Sänger Zugang auch zum Hochadel, selbst in den Wartezeiten für die Überfahrt nach Amerika wurden sie zu Auftritten eingeladen oder "gebucht", wie wir heute sagen würden.

Ob sie bei allen ihren folkloristisch geprägten Veranstaltungen "Stille Nacht, heilige Nacht" gesungen haben, ist wegen des Mangels an Programmzetteln heute nur noch mühsam zu erschließen.

Erst nach der Aufnahme des Lieds in Gesang- oder Liederbücher lässt sich der Verbreitungsweg mit der für die Wissenschaft erforderlichen Genauigkeit nachverfolgen, denn Bücher gehen ihrer Natur entsprechend seltener verloren als Einblattdrucke, in Bibliotheken und Archiven ist deshalb das Sammeln und Verwahren dieser so genannten "grauen Literatur" weit schwieriger als das von Werken mit festem Einband.

Das Stille-Nacht-Lied wird dann 1836, drei Jahre nach dem Leipziger Erstdruck, in dessen Fassung in der 30 km südlich von Leipzig gelegenen Schul- und Verlagsstadt Grimma in die "Sammlung zwei- und dreistimmiger Gesänge für Volksschulen" aufgenommen. Selbst wenn man dabei nicht von einem evangelischen Schulliederbuch sprechen kann, konnte es der Grimmaer Lehrer und Kantor Carl August Abmeyer sicher nur mit - zumindest - der Billigung der zuständigen lutherischen Kirchenbehörde herausgeben.

An dieser Stelle muss ich die Ihnen wahrscheinlich nur aus Radioansagen vor Stücken des "Thomas-Kantors" Johann Sebastian Bach bekannte Berufsbezeichnung Kantor kurz erklären, weil sie im Laufe meines Vortrags immer wieder auftauchen wird. Ursprünglich ist das Wort Kantor die lateinische Übersetzung für den Sänger, entwickelt sich mit zunehmender Bedeutung der Kirchenmusik aber schnell zum Vorsänger, zum Chorleiter und umschließt bald auch den für die instrumentale Begleitung des Gottesdienstes verantwortlichen Kirchenmusiker, in der Regel also den Organisten. Der überwiegend norddeutsche Berufstitel ist am ehesten dem süddeutsch-österreichischen Chorregenten vergleichbar - mit einem kleinen Unterschied: Der Halleiner Chorregent Gruber hätte als Hallenser Kantor auf den Zusatz "und Organist" verzichten können, weil jeder Bürger Halles davon ausgegangen wäre, dass er selbstverständlich auch die Kirchenorgel spielt. Anders ausgedrückt: An der Stille-Nacht-Rezeption in Sachsen waren lauter Berufskollegen Franz Xaver Grubers beteiligt.


1838 taucht das Lied dann in einem Notenbegleitheft mit dem Titel "Choral-Melodien zu dem katholischen Gesang- und Gebetbuch für den öffentlichen und häuslichen Gottesdienst" auf. Die etwa zehn Prozent der Bevölkerung im Königreich Sachsen umfassende katholische Minderheit hatte damit nicht nur gegenüber der protestantischen Mehrheit bei der Rezeption die Nase vorn, sondern auch gegenüber der fast rein katholischen Bevölkerung in der Ursprungsregion des Liedes: es sollte noch fast 30 Jahre dauern, bis es 1866 in eine bei Duyle in Salzburg erschienene Sammlung katholischer Kirchenlieder Eingang fand. Wie weit bei der frühen Aufnahme in jenes sächsische katholische Kirchengesangbuch auch die Tatsache eine Rolle gespielt hat, dass die Familie Strasser das Lied bereits am Heiligen Abend des Jahres 1831 in der Leipziger Pleißenburg gesungen hatte, ist noch zu untersuchen. Das sächsische Königshaus hatte die Hofkapelle der Pleißenburg, eines nicht oder nur selten genutzten Stadtschlosses in der Nebenresidenz Leipzig, der kleinen katholischenTrinitatis-Gemeinde zur Linderung der Diaspora in der urlutherischen Universitäts- und Messestadt überlassen. Der Gemeindekantor Franz Alscher hatte den Gesang der Strasser an ihrem Stand auf dem Weihnachtsmarkt gehört, er hatte ihm gefallen und er hatte die Familie kurzerhand zur Christmette eingeladen. Weitere Informationen über den Auftritt, insbesondere über die Wirkung auf die Gemeindemitglieder, sind nicht überliefert, diese dürfte sich aber im Rahmen der allgemeinen Begeisterung der Leipziger und Leipzigerinnen bewegt haben.

Das Verhältnis der evangelischen Kirchen zum Stille-Nacht-Lied war noch bis ins 20. Jahrhundert zwiegespalten, zumindest in der Amtskirche.
Noch 1951 wird im Vorwort zur badischen Ausgabe des evangelischen Gesangbuchs die "Verdrängung gehaltvoller lutherischer Weihnachtslieder durch 'Stille Nacht, heilige Nacht'" beklagt. Möglicherweise bestanden bei der Akzeptanz von "Stille Nacht" Unterschiede zwischen den für den Inhalt der Gesangbücher verantwortlichen evangelischen Konsistorialbehörden und ihren Gemeindepfarrern. Dafür spricht das ? bei meiner Archivreise 2005 im Eisenacher Kirchenarchiv entdeckte ? in ein "Hildburghäusisches Gesangbuch für die kirchliche und häusliche Andacht" von 1867 eingeklebte handschriftlich verfasste Blatt. Aufgezeichnet ist das Curriculum für eine evangelische Christ-Vesper, das nach der Verlesung des Lukas-Evangeliums die Darbietung des Liedes "Stille Nacht" durch den Chor vorsieht, welche nach einem kurzen Gemeindegesang auf die Predigt mit Segensspruch einstimmen soll. Der Einsatz des Chors für das heute dem breiten Publikum geläufige Weihnachtslied ist verständlich, weil die Gottesdienstbesucher in ihrem für den flüssig-würdevollen Gemeinde-Gesang unerlässlichen Gesangbuch das "Stille-Nacht-Lied" vergeblich gesucht hätten.
Obwohl das handschriftliche Curriculum weder eine Jahresangabe noch einen Verfasser vermerkt, kann man den Vorgang so weit eingrenzen, dass ein Gemeindepfarrer im thüringischen Herzogtum Sachsen-Meiningen, in welchem das Staatsgebiet des bis 1826 selbständigen Herzogtums Sachsen-Hildburghausen durch "Umschichtung" aufgegangen war, es kurze Zeit nach 1867 angefertigt und in sein eigenes Gesangbuch eingeklebt hat. Unwahrscheinlich ist wohl, dass es später von einem Kandidaten des Thüringer Predigerseminars Eisenach, aus dem das Gesangbuch laut Stempeleintragung stammt, erstellt worden ist, denn die in der Bibliothek des Seminars vorhandenen Bücher waren nicht Eigentum der Kandidaten, sondern standen diesen nur für die Vorbereitung zur Verfügung. Ein in der Ausbildung befindlicher Kandidat hätte es kaum gewagt, seine persönlichen Aufzeichnungen in ein entlehntes Buch einzukleben. Andererseits hätte das Bibliothekspersonal ein von einem Benutzer "vergessenes" Blatt sicher nicht eingeklebt und eine spätere archivarische Sicherung des Fundes durch dauerhafte Klebe-Verbindung wäre nicht ohne entsprechenden Vermerk geschehen.
Als Mariapfarrer sind sie wahrscheinlich neugierig, ob in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Zeit des sich anbahnenden, auch "Kulturkampf" genannten, Konflikts zwischen Bismarck und der römischen Kurie ein katholischer Lieddichter, der zudem noch Pfarrer war, überhaupt in ein evangelisches Gesangbuch aufgenommen werden kann. In der Tat fällt auf, dass in den Gesangbüchern dieser Zeit nur zwei katholische Namen auftauchen: Joseph Mohr und Luise Hensel. Bei letzterer handelt es sich um eine zum katholischen Glauben übergetretene Pfarrerstochter, so dass im Gesangbuch häufig vermerkt wird, dass sie die Liedtexte noch in ihrer evangelischen Lebensphase geschrieben habe. Den Namen des Textdichters des Stille-Nacht-Liedes, nachdem er bekannt war, im Gesangbuch einfach wegzulassen, wie das bei den Komponisten, ja selbst bei berühmten Namen, üblich war, entsprach nicht der Tradition des protestantischen Gottesdienstes, in welchem dem Wort und damit dem Wortschöpfer das größere Gewicht zukam. So finden wir in vielen Gesangbüchern jener Zeit zwar Joseph Mohr vermerkt, nicht aber den Namen des ebenfalls bereits bekannten Komponisten Franz-Xaver Gruber.
Anders als in der Liturgie des offiziellen Gottesdienstes war in den evangelischen Sozial- und Bildungseinrichtungen die Bedeutung des Stille-Nacht-Lieds bald erkannt worden. Die meist der Erweckungstheologie verbundenen Männer und Frauen aus der Anfangszeit der ursprünglich bezeichnenderweise Innere Mission, heute Diakonie, genannten evangelischen Sozialarbeit hatten die unterstützende Wirkung unseres Weihnachtsliedes auf die Arbeit mit Unterprivilegierten und Entwurzelten, aber auch in der religionsbetonten Erziehungs- und Bildungsarbeit erkannt.
Erste Spuren finden sich in einem Liederbuch für die heute noch als Elite-Bildungseinrichtung sehr renommierten Franckeschen Stiftungen: in der von Carl Gottlob Abela, der ab den 1830er Jahren in Halle an der Haupt- oder Frauenkirche als Kantor und in den Franckeschen Stiftungen als erster "reiner" Gesangslehrer tätig war, herausgegebenen "Sammlung zwei-, drei- und vierstimmiger Lieder zum Gebrauche beim Gesangunterrichte in Schulen zunächst für die Schulen in Franckens Stiftungen". Wie Abela seinerseits zum Stille-Nachtlied gekommen ist, ist nicht belegt. Naheliegend ist der erwähnte Friese-Druck von 1833. Zu den in ganz Deutschland berühmten Markt- und Messezeiten war Leipzig ein beliebtes Ausflugsziel auch für Nichtkaufleute. Wegen der geringen Entfernung von nur 30 km zwischen Halle und Leipzig ist deshalb ebenso nicht ganz auszuschließen, dass Abela wie sein katholischer Leipziger Kollege Alscher das Lied von der Strasser-Familie "live" gehört hat ? und genauso begeistert war. Aufschluss könnte eine genaue Durchsicht des Bestands im Archiv der Franckeschen Stiftungen geben. Die Liedersammlung Abelas erfuhr bis zu zehn Auflagen, leider ist es mir bisher nicht gelungen, vor Ort zu recherchieren, in welchem Jahr das nicht von Anfang an enthaltene Stille-Nacht-Lied erstmals in diesem Liederbuch aufscheint. Auch ein gewisser Peter Godazgar, seines Zeichens Mitarbeiter der Mitteldeutschen Zeitung, war bei der Vorstellung des Funds unter dem reißerischen Titel "'Stille Nacht' hat seinen Ursprung auch in Halle" in der Ausgabe der MZ vom 23./24.12.2004 nicht in der Lage, das Erscheinungsjahr der Ausgabe des von ihm im Foto präsentierten Hefts zu lesen noch dem mitpräsentierenden Archivar Wolfgang Miersemann diese Jahreszahl zu entlocken.

Auf alle Fälle muss bereits in einer Auflage vor 1844 das Lied vorhanden gewesen sein, denn Johann Hinrich Wichern beruft sich bei den Vorbemerkungen zu dem in jenem Jahr von ihm erstmals unter dem Titel "Unsere Lieder" herausgebrachten Liederbuch, in das er "Stille Nacht" aufgenommen hatte, dezidiert auf Abelas Liedersammlung. Wie der Titel schon andeutet, war auch Wicherns Buch zunächst für den "nächsten Hausbedarf" bestimmt, also für den Einsatz bei Wicherns Arbeit mit entwurzelten Jugendlichen. Wichern, der neben seiner Mentorin, der Senatorentochter Amalie Sieveking, als Begründer der Diakonie geehrt wird, hatte von seinen Gönnern aus der Hamburger Kaufmannschaft im heute als Stadtteil längst eingemeindeten Horn für seine Arbeit mit Jugendlichen ein Haus erhalten, das nach seinem Vorbesitzer Ruge auf Plattdeutsch Ruges Hus genannt wurde und zumindest im ersten Teil waghalsig mit "Rauhes" Haus in die hochdeutsche Schriftsprache übersetzt wurde. Unter immer noch diesem Namen ist hier heute eine imposante Sozial- und Bildungseinrichtung beheimatet, zu der unter Anderem eine eigene Fachhochschule gehört. Wie Abelas Liedersammlung wurde auch Wicherns Liederbuch ein Renner, das nicht nur für das Volk in einem eigenen Verlag geschickt vermarktet wurde, sondern auch jene bürgerlichen Kreise erreichte, die zu den von Wichern veranstalteten Feiern mit Gesangsdarbietung im Rauhen Haus als Gäste eingeladen worden waren, um sich vom Fortschritt der unterstützten Zöglinge zu überzeugen. Wir würden heute in bestem Neudeutsch von "fund-raising dinners" sprechen, die hier den Nebeneffekt hatten, dass das "Stille-Nacht"-Lied auf diese Weise auch den Weg in die bürgerliche Hamburger Kaufmannschaft fand.

Wichern bildete seine Zöglinge in Handwerkstechniken ? die Mädchen später auch in sogenannten "Frauenberufen" ? aus und rekrutierte sein Erzieherpersonal weitgehend aus diesen ehemaligen Zöglingen. Um ihnen auch eine Arbeit außerhalb des Rauhen Hauses zu ermöglichen, vermittelte er ihnen unter Vorwegnahme der heute längst anerkannten Grundsätze der Sozialarbeit eine zusätzliche (Allgemein-)Bildung, die sie zum Einsatz an ? modern ausgedrückt ? sozialen Brennpunkten befähigen sollte. Sie gingen als Armenlehrerinnen und -lehrer in die Elendsviertel der Städte, sie betreuten die Auswanderer in ihren Massen-Sammelquartieren in Hafennähe bis zur Abreise und sie unterrichteten die Kinder während der wochenlangen, manchmal monatelangen Überfahrten an Bord in sogenannten "Schiffsschulen". Selbstverständlich vermittelten die aus dem Rauhen Haus kommenden Schwestern und Brüder dabei Wicherns christliches Gedankengut unter Verwendung der ihnen von Wichern an die Hand gegebenen Hilfsmittel, unter denen das Buch "Unsere Lieder" mit dem Stille-Nacht-Lied einen wichtigen Platz einnahm. Um der Ödnis des Bordlebens zu begegnen, waren die "Schiffschullehrer" sicher nicht zimperlich und haben Weihnachtslieder mit den Auswanderern auch außerhalb der angestammten Zeit gesungen. So wichtig die Auftritte der Zillertaler Sängergruppen in den Zentren der Neuen Welt für die rasante Verbreitung von "Stille Nacht! Heilige Nacht!" auch waren, ich hege den Verdacht, dass nicht wenige der amerikanischen Neubürgerinnen und Neubürger ihren ersten Kontakt mit dem Lied bereits während der Überfahrt hatten. Hier stehen aber noch Untersuchungen aus. Belegt ist hingegen, dass die vielen Hospitanten aus nordeuropäischen Ländern, die das Rauhe Haus anzog, in der Regel als Abschiedsgeschenk Wicherns Liederbuch in ihre Heimatländer mitnahmen, dort bei ihrer Arbeit einsetzten und damit als Multplikatoren für das Stille-Nacht-Lied fungierten.

Doch selbst in den auf Wichern zurückgehenden oder seinem Gedankengut nahestehenden Einrichtungen wird der Wert des Stille-Nacht-Liedes nicht zu allen Zeiten gleich hoch eingeschätzt. Das evangelische Gesangbuch von 1925 für die preußischen Gebiete Minden und Ravensberg enthält das Lied nicht, obwohl ein besonderer Anhang für die dort von der Inneren Mission betriebene international bekannte Behinderten-Anstalt Bethel angefügt und das Buch in der Anstalt selbst verlegt worden ist. Auch in dem 1930 vom Wichern-Verlag des mit Wichern eng verbundenen Evangelischen Johannesstifts zu Berlin-Spandau herausgegebenen Jugend-Gesangbuch sucht man das Lied vergeblich. Die forschen Geleitworte der Bearbeiter aus der Evangelischen Schule für Volksmusik, welche die Jugend "vor Liedern falscher 'Kindlichkeit' und vor weicher Pseudo-Lyrik bewahren" möchten, mögen dem Stille-Nacht-Lied im Wege gestanden haben.


Noch weitgehend unerforscht bei der Verbreitung des Weihnachtsliedes ist die Rolle von Wicherns ältester Tochter Caroline (1836 ? 1906), die gegen den Willen der Eltern nie geheiratet hatte und stattdessen ? in der Hamburger Gesellschaft verankert ? im Brahms-Umfeld respektable Chorveranstaltungen leitete, selbst erfolgreich komponierte und ein eigenes Liederbuch geschaffen hatte. Nachdem ihr Vater pflegebedürftig geworden war, wurde von ihr als unverheirateter ältester Tochter wie selbstverständlich die Verrichtung der Pflege erwartet. Dem stand jedoch eine zuvor übernommene Lehrverpflichtung als Musiklehrerin am Ellerslie-College in Manchester entgegen. Um beiden Pflichten gerecht zu werden, entschloss sich Caroline zu einem Abonnement für die Reise Manchester, ähnlich wie wir heute eine Monatskarte oder eine Jahreskarte für Bahnen und Busse lösen. Mehrmals im Monat setzte sie mit dem Schiff von Hamburg zum mittelenglischen Nordseehafen Hull in der Humbermündung über. Die Seeverbindung existiert schon lange nicht mehr, nach dem Aufkommen der Billigflieger und nach dem Wegfall der zollfreien Einkaufsmöglichkeiten an Bord wurde der letzte fahrplanmäßige Personen-Fährverkehr von Hamburg/Cuxhaven nach England vor einigen Jahren gänzlich eingestellt. Obwohl die modernsten Schiffe eingesetzt waren, musste man für die vergleichbare Strecke von Cuxhaven an der Elbmündung bis Harwich nördlich der Themse auch im 20. Jahrhundert noch 20 Stunden veranschlagen. Daraus mag man ermessen, wie lang die junge Frau auf See verbringen musste, zumal die Fahrten in den 1870er und 1880er Jahren mit Segelschiffen durchgeführt wurden, die allenfalls über eine Hilfsdampfmaschine für schwierige Navigationsbereiche verfügten. Immerhin konnte Caroline für die anschließende Strecke von Hull nach Manchester auf die Eisenbahn zurückgreifen. Ihr Wirken als Musikerzieherin am Ellerslie-College bedarf noch einer näheren Untersuchung in den Archiven vor Ort. Für mich ist es unvorstellbar, dass sie in ihrem Gepäck nicht das Liederbuch des von ihr verehrten Vaters mitgeführt und dass sie das Stille-Nacht-Lied nicht bei der Gesangsausbildung ihrer Schülerinnen eingesetzt hat. Ohne dass ich auch hier die Bedeutung der Zillertaler für die Liedverbreitung schmälern will, gehe ich damit von einer zweiten Schiene für die Liedverbreitung auf den britischen Inseln aus. Zwar war das Ellerslie-College eine allgemeinbildende und keine berufsbildende Schule, wie ich ursprünglich angenommen hatte. Für die vermutete Verbreitung des Liedes durch Carolines englische Schülerinnen macht das aber kaum einen Unterschied.

So wie die Stille-Nacht-Forschung bei der Verbreitungsgeschichte in England also zweigleisig fahren muss, darf man auch bei der Frage, wie das Lied von Sachsen nach Hamburg kam, einen zweiten möglichen Weg nicht ganz aus den Augen verlieren, selbst wenn Wichern sich ausdrücklich auf Abele beruft und damit die Bedeutung der vermuteten "Leipzig-Altonaer" Quelle ein wenig relativiert. Bekanntlich hatte Gottlieb Wilhelm Fink seinen "Musikalischen Hausschatz der Deutschen" mit der "tyrolischen Weise" "Stille Nacht! Heilige Nacht!" 1843 in Leipzig bei Gustav Meyer verlegt, der gleichzeitig eine Filiale in der dänischen Elbhafenstadt Altona betrieb. Wegen des regen Waren- und Ideenaustausches mit dem unmittelbar benachbarten Hamburg und der Einbindung Wicherns in die Hamburger Verlegerszene dürfte diesem Finks "Hausschatz" bei der Zusammenstellung seiner Sammlung "Unsere Lieder" vorgelegen haben. Dass Finks Fassung von den handschriftlichen Fassungen der Liedschöpfer Mohr und Gruber stark abwich, kann für Wichern nicht Anlass gewesen sein, Abeles Fassung der finkschen vorzuziehen, denn weder waren seinerzeit die beiden Autoren bekannt, geschweige denn die von ihnen niedergeschriebenen Autographe. Es mögen musikpädagogische Gründe gewesen sein, die Fassung von Abela zu übernehmen. Es mögen aber auch verlagsrechtliche Gründe gewesen sein, im Vorwort ausdrücklich Abele als Quelle anzugeben. Wenn ich zu Anfang gesagt habe, dass erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts sich zaghaft ein Urheberrecht im heutigen Sinne entwickelt hat, dann bezog sich das auf die Autoren. Verleger hatten hingegen schon seit wesentlich früheren Zeiten die wirtschaftlichen Vorteile der eigentumsähnlichen Rechte am Inhalt eines Buchs erkannt und diese auch durchzusetzen versucht. Für den Verleger Wichern wäre es im Ernstfall wesentlich einfacher gewesen, sich mit einer befreundeten Bildungseinrichtung wie den Franckeschen Stiftungen zu verständigen als sich mit einem renommierten Verlagskonkurrenten wie Meyer auseinanderzusetzen. Die Musikwissenschaft muss dies allerdings nur am Rande berücksichtigen, sie kann sich bei ihrer musikalischen Provenienzforschung auf ihre anerkannten (Vergleichs-)Methoden beschränken.
Für die Erforschung der Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte des Stille-Nacht-Lieds ist die bereits erwähnte "Authentische Veranlassung" von Franz Xaver Gruber von entscheidender Bedeutung, weil es sich um eine Autoren-Stellungnahme handelt. Ohne die auslösende Anfrage der Königlich Preußischen Hofkapelle hätte Gruber mit höchster Wahrscheinlichkeit keinen Grund gesehen, sich zur Entstehung des Lieds zu äußern. Die Ereignisse am Heiligen Abend in Oberndorf wären für immer im Dunkeln geblieben, die rätselhafte Jahreszahl 1816 wäre zumindest mit dem heutigen Wissenstand nicht richtig zu deuten gewesen. Nicht eigene Neugier treibt die Berliner Musiker zu der Anfrage an St. Peter, sondern sie handeln gewissermaßen in "höchstem Auftrag", wenn sie sich auf das Interesse der königlichen Familie berufen. Auch dieses wird nochmals begründet, obwohl auch im 19. Jahrhundert landesherrliches Interesse allein schon genügen sollte. Wollte man einerseits der Anfrage noch mehr Gewicht verleihen, andererseits vielleicht dem am preußischen Hof nicht ganz unbekannten vermuteten Schöpfer Johann Michael Haydn eine kleine Reverenz erweisen, wenn darauf hingewiesen wird, dass das das Lied auch im Kreis der königlichen Familie gesungen wird? Die Frage muss also lauten: Wer sind eigentlich die Hintermänner der Anfrage, das heißt wer ist diese königliche Familie, wer ist Ihr Oberhaupt? Und wichtiger noch die Frage im Sinne des heutigen Vortrags: wie kam "Stille Nacht" an den preußischen Hof?
Die erste Frage ist sehr schnell beantwortet. In Preußen regiert seit 1840 Friedrich Wilhelm IV., der in einem kunstsinnigen, fast schon bürgerlichen Elternhaus aufwuchs, ohne dass man ihn als Bürgerkönig bezeichnen kann. Wohlbehütet also. Das war bei Hohenzollerns nicht immer so, die Demütigungen des jungen Friedrich II. sind in die Literatur eingegangen, der aus falscher pädagogischer Härte gequälte spätere Wilhelm II. hat Europa in den Abgrund geführt. Für unsere Fragestellung spielt keine Rolle, dass Wilhelms spätere Frau, die Wittelsbacherin Elisabeth Ludovika aus Bayern stammte und auch nach der Heirat ihren katholischen Glauben im evangelischen Preußen beibehalten durfte. Wichtig ist aber, dass Friedrich Wilhelm für einen preußischen König ungewöhnlich gebildet auch außerhalb der Kriegswissenschaften war, dass er als romantischer Reformer galt, der aber bei den meisten angestrebten Reformen an der Oberfläche blieb und demzufolge viele Abstriche machen musste, und dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern und den meisten seiner deutschen Fürstenkollegen sein Bischofsamt ernst nahm. Nach dem Augsburger Religionsfrieden standen die evangelischen deutschen Fürsten nominell auch an der Spitze ihrer nun von der römischen Hierarchie unabhängigen Landeskirchen, hatten sich aber bis 1918 in kirchlichen Angelegenheiten von einem Superintendenten vertreten lassen, dem so Schritt für Schritt die Führung der jeweiligen Landskirche zuwuchs. Der auch theologisch vorgebildete Friedrich Wilhelm kümmerte sich mehr als seine Kollegen um kirchliche Belange, seinem Naturell entsprechend entstanden daraus aber keine bekannten Konflikte mit den Konsistorialbehörden.
Bei den Tätigkeiten, für welche die Brüder im Rauhen Haus in Hamburg-Horn ausgebildet wurden, habe ich Ihnen bewusst eine vorenthalten, um Sie nicht voreingenommen zu machen. Wicherns Rauhes Haus hatte ja von Anfang an gestrauchelte Jugendliche aufzufangen, die Erzieher mussten entsprechend auf den Umgang mit ? in unserer heutigen Diktion ? verhaltensauffälligen Jugendlichen vorbereitet werden. werden. Eines der Anliegen Friedrichs IV war die Reform des preußischen Gefängniswesens. Wicherns durchaus handfeste sozialreformerische Ideen hatten das Interesse des preußischen Königs geweckt, das preußische Königshaus stand auf der Abonnentenliste von Wicherns Jahresberichten aus dem Rauhen Haus. Bei der Gefängnisreform ging es im Grunde um den Gedanken eines humanen Strafvollzugs, im Personalbereich wollte man wegkommen von der Rekrutierung aus ausgemusterten und fachlich ungebildeten Militär-Unteroffizieren. Nachdem sich einige von Wicherns Rauh-Haus-Brüdern durch eine fachlich gute Arbeit im preußischen Strafvollzug ausgezeichnet hatten, wurde in einem Vertrag zwischen dem preußischen Innenministerium und dem Rauhen Haus die Ausbildung einer jeweils genau festgelegten Anzahl von, heute würden wir sagen: Justizwachebeamten der hamburgischen Sozialeinrichtung übertragen. Das war eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlicher Vertrag über die Landesgrenzen hinweg, der sich jedoch offensichtlich so bewährt hat, dass Friedrich Wilhelm IV. Wichern Anfang der 1850er Jahre mit der Reorganisation des gesamten preußischen Gefängniswesens betraute, den hamburgischen Staatsbürger 1857 zum Vortragenden Rat für das Gefängnis- und Armenwesen innerhalb des preußischen Innenministeriums ernannte ihn als Oberkonsistorialrat in den preußischen Evangelischen Oberkirchenrat berief. Dieser Teil von Wicherns Biographie wird gern verschwiegen, obwohl sich Wichern dessen nicht zu schämen braucht, verfolgt er doch auch hier konsequent ein humanitäres Anliegen. Die Erkrankung Friedrich Wilhelms und die Übernahme der Regentschaft durch dessen an sozialen Fragen weniger interessierten Bruder Wilhelm, 1871 als Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen, sollte letztlich die endgültige Umsetzung von Wicherns Gefängnisreform verhindern. Zwischen Friedrich Wilhelm IV. und Wichern bestand also ein besonders Vertrauensverhältnis, seine Stellung als Vortragender Rat verschaffte ihm erleichterten Zugang zum Monarchen. Meine Vermutung geht dahin, dass der König nicht nur die Jahresberichte des Rauhen Hauses bezog, sondern auch andere erbauliche Schriften aus der "Agentur des Rauhen Hauses", dem Verlag Wicherns, und dass das Stille-Nacht-Lied auf diesem Wege in die preußische Königsfamilie kam. Es gilt nur noch, den Standort der Bestände des ehemaligen preußischen Hofarchivs ausfindig zu machen und diese zu untersuchen. Da auch Wichern 1854 die Verfasser des Liedes aus der abelaschen Vorlage nicht erschließen konnte, wandte sich der König unter Einschaltung der Fachleute aus seiner Hofkapelle an das Stift St. Peter in Salzburg. Der Rat, dort nachzufragen, könnte sogar von Johann Hinrich Wichern stammen.


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